Endlich naht der Urlaub! DIE Zeit des Jahres, in der man von den Zwängen von Arbeit und Verantwortung frei ist. Endlich mehr Zeit! Mehr sich selbst sein, mehr Nichts-Tun, mehr ...?

Urlaub wirkt positiv, und man braucht diese Phasen der Erholung, des Kräftesammelns und Loslassens. Aber leider verpuffen diese Urlaubseffekte wieder relativ schnell. Ein bis zwei Wochen nach Urlaubsende ist der «Normalzustand» wieder erreicht!

Stop-and-Go zwischen stressiger Langstrecke - mehr als 40 Wochen im Jahr - und erholsamen Urlaubsphasen ist zwar ein gängiges, aber kein tragfähiges Modell.

Könnte es gelingen, ein Stück Urlaub in den Alltag mitzunehmen? Grundsätzlich ja! Natürlich wird die Arbeit zurück zu Hause keine andere sein - aber wir könnten mit neuer Sicht auf die Dinge einiges bewegen. Allerdings erfordert dies auch eine kritische Selbstüberprüfung des eigenen Tuns, des Jobs oder des Berufes, in wenigstens drei Feldern:

Mentale Distanz

Im Urlaub haben wir Distanz zur Erwerbsarbeit. Wir wollen und können den Kontakt zum Büro kappen. Im normalen täglichen Rhythmus ist das ja - so die Erfahrung - nicht möglich! Wir wollen uns ja für den Job engagieren, die Tage sind lang, und oft ist das Wochenende auch von wichtigen Arbeiten «angeknabbert». Aber gerade wer viel arbeitet, braucht Inseln, die eine mentale Distanz von der Arbeit gewähren. Es ist weder klug noch effizient, rund um die Uhr den immer gleichen Problemen nachzuhängen. Das Gehirn braucht auch mal «Erfrischungen» durch Beschäftigung mit ganz anderen Themen, zum Beispiel mit Kindergeschichten, mit einem Sporttraining oder mit einer Kunstausstellung. Und zwar gilt es, diese Tätigkeiten bewusst zu geniessen. Ein kleines Stück Urlaub während des Jahres!

Zeitqualität

Wer im Urlaub wieder zu mehr Sport findet geniesst einen Tennis-Match mit Freunden oder den Sommerabend am Strand - und dies nicht in einem Zeitfenster von genau 60 oder 45 Minuten - wie es im streng getakteten Arbeitsrythmus üblich ist. Wir spielen so lange Tennis wie es uns gefällt, oder bleiben am Strand, bis sich die Lust auf Apéro und Abendessen meldet. Wir fokussieren auf das Erlebnis und die Qualität des Moments. Wäre das im Alltag der Arbeit nicht auch vermehrt möglich? Das leidige Gefühl, zu wenig Zeit zu haben lässt uns immer mehr Pendenzen, Meetings und Calls in die gleiche begrenzte Spanne Zeit hineinpressen. Agilität und Geschwindigkeit ist gefragt! Weil der Mensch aber - trotz aller gegenläufigen Behauptungen - sich nicht eignet für Multitasking, bleibt Qualität und Genauigkeit auf der Strecke, es stellen sich Fehler und Missverständnisse ein, die uns später mehr Zeit kosten, als wir glauben gewonnen zu haben. Was uns im Urlaub gelingt, wäre auch im Arbeitsalltag möglich und hilfreich: Erledige nur eine Sache in einer bestimmten Zeit, aber diese ganz und konzentriert!

Sinnhaftigkeit

Wer in Urlaub fährt, kommt nicht auf die Idee zu fragen: Macht das Sinn? Ferien sind per se mit Lust und Freude verbunden, die Sinnhaftigkeit steht nicht in Zweifel. Aber wie steht es damit beim Job, den wir gerade innehaben? Macht die Arbeit Sinn? Ist sie mehr als nur Lohnarbeit? Diese Frage stellt sich allen Menschen immer wieder im Verlaufe eines Lebens. Nun ist es ein hoher Anspruch, immer und zu jeder Zeit eine Arbeitsstelle oder Tätigkeit zu haben, die uns zu einhundert Prozent mit Sinn erfüllt. Aber zwischen einer für uns völlig sinnlosen - und einer vollständig sinnhaften Tätigkeiten gibt es eine grosse Bandbreite von möglicher Sinnstiftung. Wer aus einer weitgehend sinnlosen Tätigkeit in einen teuren Traumurlaub flüchtet, wird bei der Rückkehr sehr schnell wieder von den Realitäten überrollt werden. Und wer nach einem guten Urlaub sagen kann: «Ich freue mich wieder auf meinen Job!» wird mit viel Schwung und Elan in die Arbeit zurückkehren. So gesehen müsste der Urlaub auch ein Wink sein, über das nachzudenken, was wir in den restlichen mehr als 40 Wochen pro Jahr tun, nämlich arbeiten. Ist das nur und vor allem für Salär und Bonus, oder ist das mehr? Bin ich das, passt das zu mir, was ich da mache?

In der Schweiz ist von der legendären Berner Aristokratin Madame Elisabeth de Meuron-von Tscharner (1882 -1980) ein Satz überliefert, mit dem sie angeblich ihr noch nicht bekannte Personen überraschte. Sie fragte direkt und unverblümt: «Syt dihr öpper, oder nämet dihr Lohn?» übersetzt: Seid Ihr jemand, oder arbeitet Ihr für Geld?

Auf die heutige Zeit angepasst: Gefällt mir primär die Tätigkeit, oder das Geld, das ich dafür kriege? Würde ich meinen Job auch für weniger Salär noch machen? Und vielleicht auch: Hat mich der Job persönlich weitergebracht - «bin ich Jemand geworden» durch den Job, oder nicht?

«Food for Thought» für einen langen stressfreien Sommertag in den Ferien!